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Historischer Überblick über
Karate-do
Kampfkunst der Ryukyu-Inseln
von MIYAGI
CHOJUN
Englische Übersetzung : San Zinsoo
Deutsche Übersetzung : Thomas Heinze
Anmerkung von San Zinsoo:
Dieser Artikel ist eine Übersetzung eines Essays, das von Miyagi
vorbereitet und den Clubmitgliedern in der "Über Karate"-Stunde
im 4.Stock des Meiji Shoten (Sakaisuji, Osaka) am 28.
Januar 1936 präsentiert. Miyagi ist
einer der bekanntesten und prägendsten Karate-Pioniere und der Begründer
des Goju ryu-Karate. Der japanische Titel dieses Essay ist "Ryukyu
Kenpo Karatedo Enkaku Gaiyo".
1. Vorwort
Was ist Karate ? Es die Kunst, mit der wir den Geist und den Körper
üben, um im täglichen Leben gesund zu sein. Aber in Notzeiten ist es die
Kunst der Selbstverteidigung ohne Waffen. In den meisten Fällen kämpfen
wir mit unserem Körper - Händen, Füßen, Ellbogen etc. - um den Gegner
zu besiegen. In einigen Fällen, in Abhängigkeit von den Umständen,
könnten wir auch Waffen benutzen (so zum Beispiel Bo, Sai, Nunchaku,
Tonfa, Weeku, Kama etc.).
Oft missverstehen die Menschen Karate. Wenn sie sehen, wie jemand fünf
Holzbretter oder ein paar Dachziegel mit seiner Faust bricht, denken sie,
dass das der wichtigste Bestandteil des Karate ist. Natürlich ist es
nicht der wichtigste Bestandteil des Karate, eher ein bedeutungsloser Teil
des Karate. Wie in anderen Kampfkünsten die Wahrheit des Karate oder das
Tao [A.d.Ü.: chinesisch für Weg, jap.=Do] des Karate kann verstanden
und gemeistert werden durch das ultimative Ziel, welches hinter den Lehren
liegt und nicht durch Worte zu beschreiben ist.
2. Wie die Kampfkünste auf den Ryukyu eingeführt wurden
Der Name "Karate" ist ein besondere Term auf den Ryukyu. Karate
stammt vom chinesischen Kung Fu ab. Wir besitzen einige Bücher über die
Wurzeln des chinesischen Kung Fu und nach der Theorie liegen die Wurzeln
der Kampfkünste in Zentralasien und im Gebiet um die Türkei, als sich
die alten Zivilisationen entwickelten. Dann wurden sie allmählich in
China eingeführt.
Wie auch immer, wir haben noch eine weitere Theorie. Diese besagt, dass
vor 5000 Jahren das chinesische Kung Fu entstand, zur Zeit des Gelben
Kaisers (Kaiser Huang), der eine überwältigende Kultur im Delte des
Gelben Flusses erbaute. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass die
Kampfkünste durch den naturgegebenen Kampfgeist des Menschen geboren
wurden. Zum Beispiel wurden die meisten Kung Fu-Stile durch das Nachahmen
der Kämpfe von Tieren oder Vögeln geschaffen. Das kann man an den Namen
dieser Stile erkennen, wie zum Beispiel Tiger-, Löwen-, Affen-, Hunde-,
Kranichstil und so weiter. Später spaltete sich das chinesische Kung Fu
in die südlichen und die nördlichen Schulen. Weiterhin teilte sich jede
Schule in Neijia und Waijia.
Das Charakteristische von Neijia ist Weichheit, und es ist eine defensive
Kampfkunst. Wudang Kung Fu (Taiji zum Beispiel) ist typisch für Neijia.
Das Charakteristische von Waiji ist Härte, und es ist eine aggressive
Kampfkunst. Shaolin Kung Fu ist typisch Waijia, das im Shaolin-Tempel auf
dem Songshang-Berg in der Henan (Honan)-Provinz entwickelt wurde. Später,
zur Zeit der Tang- und der Song-Dynastie, kann man viele Kung Fu-Krieger
auf dem Höhepunkt ihres Erfolges finden.
Wenn man überlegt, wie Karate auf den Ryukyu (Okinawa) eingeführt wurde,
findet man verschiedene Meinungen ohne reglichen historischen Hintergrund.
Wir sind bis jetzt noch nicht zu einem korrekten Schluss zu diesem Thema
gekommen. Es gibt drei Haupt-Meinungen, namentlich die "36
chinesischen Emigranten" [A.d.Ü.: In der deutschen Literatur wird
von den "36 chinesischen Familien" gesprochen], die
"Aufzeichnungen von Oshima" [A.d.Ü.: der originale Name lautet
"Oshima hikki"] und die "Einführung während der Keicho
Periode". Nun folgen einfache Erklärungen dieser Meinungen.
(1) Die 36 chinesischen Emigranten: Im Jahr 1392 (zur Zeit der
Ming-Dynastie in China) kamen 36 chinesische Emigranten auf die
Ryukyu-Inseln. Zu dieser Zeit wurde das Karate auf den Ryukyu durch die
chinesischen Emigranten eingeführt.
(2) Die Aufzeichnungen von Oshima: 1762 wurde ein Handelsschiff des Ryukyu
Königreiches auf dem Weg nach Satsuma (heute Präfektur Kagoshima) durch
einen Sturm erfasst und strandete an der Küste von Oshima, Tosa (heute
Präfektur Kochi). SHIOHIRA PECHIN, ein hochrangiger Offizieller des
Schiffes, war eine intelligente Person. Ihm wurde von CHOKI TOBE, ein in
Oshima lebender Intellektueller, geholfen. Tobe schrieb Shiohira's
interessante Geschichten über das Ryukyu-Königreich nieder. Seine
Notizen wurden "die Aufzeichnungen von Oshima" genannt. Im
dritten Teil der Aufzeichznungen steht: "Koshankun, ein Kung-Fu
Kämpfer, kam von China auf die Ryukyu und brachte seine Schüler
mit." Den Aufzeichnungen nach wurden zu dieser Zeit die Kampfkünste
von den Menschen "Kumiaijutsu" genannt. Diese Aufzeichnungen
sind die verlässlichste Literatur über Karate.
(3) Die Einführung während der Keicho Periode: Im 14. Jahr der Keicho
Periode, 1609, besetzte der Shimazu-Clan auf Satsuma (heute Präfektur
Kagoshima) das Ryukyu-Königreich und verbaten den Menschen der Ryukyu das
Tragen von Waffen. Einige glauben, Karate wäre spontan aufgrund des
schreckliche Regime der Satsuma entstanden. Andere bestehen darauf, dass
Karate keine einheimische Entwicklung, sondern eine aus China eingeführte
Kunst wäre. Ich glaube, dass es anzunehmen ist, dass Karate eine Mischung
aus den Kampfkünsten Chinas und "Te", einer bereits
existierenden einheimischen Kampfkunst war, wodurch sich Karate deutlich
entwickelte und auch sich noch heute verbessert und entwickelt. Es gibt
ein paar andere Meinungen über die Wurzeln des Karate, aber das sind
bekannte Missverständnisse und nicht wert gehört zu werden.
Wie oben angedeutet gibt es bis jetzt keine definitive und überzeugende
Meinung. Wie auch immer, Karate wurde über viele Jahre entwickelt,
modifiziert und verbessert.
3. Karateverbindungen in der Vergangenheit
Man kennt auch nicht die Wurzel des Namens "Karate", aber es ist
wahr, dass der Name "Karate" alt ist. Früher wurde es
"Te" genannt. Zu dieser Zeit übten die Menschen Karate im
Geheimen, und die Meister lehrten einige wenige fortgeschrittene Kata von
allen Kata nur an einige der besten Schüler. Hatte ein Meister keinen
passenden Schüler, unterrichtete er diese Kata niemandem, und so kam es
vor, dass eine solche Kata komplett ausstarb. Deshalb wurden viele Kata
nicht weitergegeben.
Etwa in der Mitte der Meiji periode (1868-1912), hoben einige bekannte
Meister die Geheimhaltung auf. Karate wurde für die Öffentlichkeit
geöffnet, und sehr schnell nahm die Gesellschaft davon Notiz. Das war die
Morgendämmerung für das Karate. Passend für die sich schnell
entwickelnde Kultur wurde Karate als Möglichkeit der physischen
Entwicklung erkannt, und es wurde als Unterrichtsfach an den Schulen
eingeführt. Aus diesem Grund hat Karate sich gesellschaftliche
Anerkennung erworben.
4. Wie wir heute Karate unterrichten
Nach der mündlich überlieferten Geschichte, legte man beim Training in
früheren Zeiten den Schwerpunkt in der Selbstverteidigung. Mit dem
einfachen Motto "Es gibt keinen ersten Angriff im Karate",
zeigten die Lehrer ihren Schülern die moralischen Aspekte. Ich habe
jedoch gehört, dass sie in Wahrheit dahin tendierten, solche Prinzipien
zu vernachlässigen. Allmählich, mit der Zeit, veränderte sich die Art
des Trainings.
Jetzt folgen wir nicht mehr der falschen Tradition des sogenannten
"Körper zuerst, und der Geist als zweites", und wir haben
unseren Weg zum Tao der Kampfkünste oder die Wahrheit des Karate
geschaffen. Wir haben das richtige Motto erreicht : "Der Geist zuerst
und der Körper als zweites", was bedeutet, dass Karate und Zen das
selbe sind.
Diejenigen, die heute in der Präfektur Okinawa und außerhalb von Okinawa
Karate unterrichten sind folgende (in zufälliger Reihenfolge):
In der Präfektur Okinawa:
YABU KENTSU, HANASHIRO CHOMO, KYAN CHOTOKU, TOKUDA ANBUN, KYODA JUHATSU,
CHIBANA CHOSHIN, KAMIYA JINSEI, SHIROMA SHINPAN, HIGA SEIKO, NAKASONE
KAMADO, SHINZATO JIN-AN, MIYAGI CHOJUN
Außerhalb der Präfektur Okinawa:
FUNAKOSHI GICHIN, MOTOBU CHOKI, MABUNI KENWA, SAWAYAMA MASARU, SAKAI SANYU,
YABIKU MODEN, MIKI JIZABURO, KONISHI YASUHIRO, SATO SHINJI, MUTSU MIZUINE,
HIGAONNA KAMESUKE, OTSUKA SHINJUN, TAIRA SHIN, SHIROMA KOKI, UECHI KANBUN
5. Über Karate-Stile (Ryu)
Es gibt verschiedene Meinungen über Ryu oder Stile des Karate in Ryukyu
(Okinawa), aber sie sind nun Vermutungen ohne jegliche definitive
Nachforschung oder Beweisen. Aus diesem Grund haben wir das Gefühl, als
ob wir uns durch die Nacht tasten würden.
Nach der verbreiteten Meinung kann man Karate in zwei Stilen
kategorisieren : Shorin ryu und Shorei ryu. Man (traditionelle Meinung)
besteht darauf, dass das erstere für eine kräftige Person ist, das
zweiter für schmalere Personen [Hier liegt offensichtlich eine
Verwechslung vor. Ob bei Miyagi oder beim Übersetzer ist unklar.
Verbreitet ist die umgekehrte Meinung - A.d.Ü]. Es wurde durch viele
Studien bewiesen, dass diese Meinung falsch ist. Mittlerweile gibt es nur
eine Meinung, der wir glauben können. Das ist die folgende: Im Jahr 1828
(Qing oder Ching-Dynastie in China), erbten unsere Vorfahren einen Kung fu
Stil der Provinz Fujian in China. Sie setzten ihre Studien fort und
entwickelten das Goju ryu Karate. Auch noch heute existiert eine
traditionelle Gruppe, die das echte und authentische Goju ryu Karate
geerbt hat.
6. Die Merkmale von Karate
Einige gute Seiten von Karate sind folgende:
(1) Es wird nicht viel oder ein besondere Platz gebraucht, um Karate üben
zu können.
(2) Man kann Karate allein üben. Man kann es auch zusammen mit anderen
üben, indem man eine Gruppe gründet.
(3) Man muss nicht viele Stunden mit der Karateübung verbringen.
(4) Man kann sich die Kata auswählen, die zur eigenen physischen Stärke
passt und diese unabhängig von Alter und Geschlecht üben.
(5) Man Karate mit einfacher Ausrüstung (z.B. Makiwara) üben, ohne viel
Geld auszugeben. Es geht jedoch auch ohne dieses.
(6) Karate ist sehr effektiv in der Gesundheitsverbesserung. Es gibt viele
Karateka, die gesund sind und lange leben.
(7) Als Ergebnis des Trainings von Körper und Geist, kann man seinen
Charakter kultivieren und einen unbezwingbaren Geist entwickeln.
7. Die Zukunft des Karate-Do
Die Zeit, in der Karate im Geheimen geübt wurde, sind vorbei und ein
neues Zeitalter ist angebrochen, in dem wir Karate öffentlich und
offiziell üben. Deshalb ist die Zukunft des Karate-Do leuchtend. Wir
sollten diese Gelegenheit ergreifen und aufhören, Karate als etwas
Mystisches oder eine magische Kampfkunst von einer Insel namens Ryukyu, zu
verbreiten.
Wir sollten Karate für die Öffentlichkeit öffnen und Kritiken,
Meinungen und Studien von anderen bekannten Kampfkünsten annehmen. In der
Zukunft sollten wir einen Körperschutz für sichere Karate-Wettkämpfe
wie in anderen Kampfkünsten entwickeln, sodass Karate eine der
japanischen Kampfkünste wird.
Heutzutage ist Karate-Do sehr populär geworden in ganz Japan, wo
viele Menschen sehr hart das Karate-Do studieren. Sogar außerhalb von
Japan ist Karate-Do populär. Es gibt einen Mann, der an einer
Universität in Tokyo graduierte. Er verbreitet und studiert Karate-Do
jetzt Europa. Im Mai 1934 wurde ich von Okinawanern und einer Zeitung vor
Ort eingeladen, Karate auf Hawaii (USA) zu verbreiten und zu unterrichten. Europe.
Karate-Clubs wurden seitdem auf Hawaii gegründet. Wie schon angedeutet
ist Karate nicht nur eine japanische Kampfkunst, sondern eine
internationale Kampfkunst.
8. Die Lehrmethode des Karate
Da jeder Mensch seine eigenen Persönlichkeit hat, unterscheidet sich die
Muskelentwicklung, je nachdem, welche Muskeln er viel benutzt. Deshalb
beginnen wir mit "vorbereitenden Übungen", um unsere Muskeln zu
entwickeln, sodass die Übung des Karate leichter wird, und dann folgeden
die "grundlegenden Kata", die "unterstützenden
Übungen", "Kaishu Kata" und das "Kumite
Training". Man unterrichtet Karate nach diesem Schema.
Eine kurzer Überblick:
(1) Vorbereitende Übungen: Man benutzt jeden Muskel des Körpers, um
seine Flexibilität, Stärke und Ausdauer zu erhöhen, und dann übt man
die grundlegende Kata Sanchin, Tensho und Naifanchi. Man wiederholt die
vorbereitenden Übungen noch einmal nach der Übung der Kata, um die
Muskeln zu entspannen. Dann macht man Atem-Übungen, denen eine stille
Pause folgt.
(2) Grundlegende Kata: Sanchin, Tensho und Naifanchi sind grundlegende
Kata. Durch deren Übung entwickelt man einen korrekten Stand. Man lernt
richtig ein- und auszuatmen. Man lernt die eigene Kraft harmonisch zu
verstärken oder zu verringern. Man entwickelt eine starke Physis und den
starken Willen eines Kriegers.
(3) Ergänzende Übungen: Diese Übungen machen es uns möglich, die Kata
Kaishu zu erlernen und vorzuführen. Man übt jeden Teil des Körpers mit
einer bestimmten Bewegung. Man übt auch mit verschiedenen
Übungsgeräten, um unsere äußere Gesamtstärke zu erhöhen, sowie sie
Stärke bestimmter Körperteile zu verbessern.
(4) Kaishu Kata (Kata ohne die grundlegenden Kata): Heutzutage gibt es
zwanzig oder dreißig Arten von Kata, viele Namen sind unterschiedlich in
Abhängigkeit von ihrem Erschaffer. Kata enthalten Techniken der
Verteidigung und des Angriffs, die angemessen miteinander verbunden sind.
Sie enthalten verschiedene Bewegungsrichtungen und sie sind so etwas wie
Gymnastik. Man sollte beim Vorführen der Kata die Kraft der Geistes und
des Körpers nutzen, je nach Sinn der Techniken, sodass man die Prinzipien
von Spannung und Entspannung lernen kann.
(5) Kumite Training: Man "entspannt" die Kaishu Kata, die
bereits gelernt wurde und studiert die Techniken der Verteidigung und des
Angriffs in der Kaishu Kata. Mit dem Verständnis des technischen Zwecks
übt man die Angriffs- und Verteidigungstechniken mit Kampfgeist wie in
einer realen Situation.
Ich fasse zusammen:
Man entwickelt die Interaktion von Geist und Körper ausgehend von den
grundlegenden Kata Sanshin, Tensho und Naifanchi. Man entwickelt des Geist
der Kampfkünste durch das richtige Üben der Kaishu Kata und des Kumite
Trainings.
Englische Übersetzung : © by San
Zinsoo,
Okinawan
Gojuryu Karate
mit freundlicher Genehmigung von Sanzinsoo
Deutsche Übersetzung : © 2003 by Thomas
Heinze, Budo Studien Kreis
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