Der Lehrer FUNAKOSHI's, Itosu Yasutsune
(auch Anko), wurde 1830 in Shuri no Tobaru im Hause eines Samurais
geboren. Schon früh wurde Itosu nach den Regeln der Samurai erzogen, bis
sein Vater ihn 1846 zum Karate-Lehrer MATSUMURA
SOKON (genannt Bushi) brachte, um ihm dort Karate lernen zu lassen.
Itosu trainierte 8 Jahre lang
unter der strengen Anleitung Matsumuras. Weiterhin lernte Itosu bei
GUSUKUMA SHIMPAN und bei YASURI. Er war auch ein guter Freund AZATOs
und war oft beim Training von Funakoshi bei Azato dabei. Aufgrund
seines harten und ausdauernden Trainings entwickelte sich Itosu zu einem
unbesiegbaren Karateka, wie Funakoshi auch
in seinem Buch "Karate-Do Kyohan"
ausführlich beschreibt. Er war einer der größten okinawanischen
Karate-Meister aller Zeiten.
Ihm wird eine enorme Kraft nachgesagt. Man sagt auch, dass
er seine Schlagkraft trainierte, indem er gegen Steine schlug, die sich
entlang seines täglichen Weges befanden.
Itosu verlor 1879 seine Arbeit als
Privatsekretär beim König, die ihm sein Freund Azato besorgt hatte.
Dadurch verschlechterte sich seine wirtschaftliche Situation und er begann
öffentlich Karate zu lehren. Das war vielen okinawanischen
Karate-Meistern ein Dorn im Auge und er wurde oft des Verrats bezichtigt.
Itosu hatte eine sehr große
Bedeutung für die Entwicklung des Karate.Er überlieferte viele alte
Kata, änderte einige (z.B. die Tekki-Kata) und gründete viele neue Kata
(z.B. Tekki-nidan, Tekki-sandan, Bassai-sho, Kanku-sho und die Heian-Kata).
1905 wurde Itosu Lehrer und schrieb 1908 einen Brief
an das Erziehungsministerium (siehe unten), in dem er empfahl, Karate als
Bestandteil des Unterrichtes an den Schulen Okinawas einzuführen. Das
trug entscheidend zur Verbreitung des Karate bei. Der Ergebnis war, dass
Itosu gezwungen war, das Karate zu überarbeiten, um ein entschäftes
Konzept zu entwickelt, was gelehrt werden konnte.
Schüler Itosus : YABU KENTSU, YABIKU
MODEN, MABUNI
KENWA, GUSUKUMA
SHIROMA, CHIBANA CHOSHIN, TOKUDA AMBUN, OSHIRO
CHOKI, MOTOBU CHOKI, SHIMPAN MASASHIGA, YAMAGAWA
CHOTO und FUNAKOSHI GICHIN.
Itosus Brief ans Erziehungsministerium :
Karate stammt nicht vom
Buddhismus oder Konfuzianismus ab. In den alten Tagen wurden zwei Stile
des Karate, der Shorin- und Shorei Stil, von China
eingeführt. Beide unterstützen gesunde Prinzipien, und es ist wichtig,
daß sie bewahrt und nicht geändert werden. Daher werde ich hier
erwähnen, was man über Karate wissen muß.
Karate strebt nicht nur danach, den Körper zu
disziplinieren, sondern dient der Erhaltung der Gesundheit. Wenn es
notwendig ist, für eine gerechte Sache zu kämpfen, sorgt Karate für die
Tapferkeit und für die Stärke, durch die man sein eigenes Leben für
diese Sache aufs Spiel setzen kann.
Es ist nicht dazu gedacht, im Wettbewerb eingesetzt zu
werden, sondern viel eher als ein Mittel, seine Hände und Füße in einer
ernsthaften Begegnung mit einem Raufbold oder Schurken zu gebrauchen.
Der Zweck des Karatetrainings ist es, die Muskeln zu stärken
und den Körper stark wie Eisen und Stein zu machen, so daß man die Hände
und Füße wie Speere einsetzen kann. Auch kultiviert das Karate Training
Tapferkeit und Wertgefühl in den Kindern und bereitet sie auf diese Weise
gut für den Militärdienst vor. Vergeßt nicht, was der Duke von
Wellington nach seinem Sieg über Kaiser Napoleon sagte: „Der heutige
Sieg wurde in erster Linie durch die Disziplin erzielt, die auf den
Spielplätzen unserer Grundschulen erreicht wurde."
Karate kann in einem kurzen Zeitraum nicht ausreichend
gelernt werden. Auch ein träger Bulle, egal wie langsam er sich bewegt,
wird schließlich 1000 Meilen zurücklegen.
Dies gilt auch für einen, der sich entschließt, jeden Tag 2 oder 3
Stunden fleißig zu studieren. Nach 3 oder 4 Jahren der nicht
nachlassenden Bemühung wird sein Körper eine große Umwandlung zeigen
und ihm die wahre Essenz des Karate enthüllen.
Eines der wichtigsten Ziele des Karate ist das Training
der Hände und Füße. Daher muß man immer das Makiwara gebrauchen, um
sie vollständig zu entwickeln. Um dies effektiv zu tun, senkt man die Hüften,
öffnet die Lungen, konzentriert die Energie, greift gut den Boden, um die
Stellung zu verwurzeln, und senkt das Qi - allgemein als Lebensenergie
oder als innere Kraft bezeichnet - in den „Tanden" (gerade
unterhalb des Nabels). Entsprechend dieser Prozedur, führt man mit jeder
Hand jeden Tag ein- oder zweihundert Fauststöße aus.
Man muß in den Trainingshaltungen des Karate immer
eine aufrechte Position bewahren. Der Rücken muß gerade sein, die Lenden
zeigen nach oben, die Schultern nach unten, während man eine geschmeidige
Kraft in den Beinen behält. Man entspannt sich und bringt den oberen und
unteren Teil des Körpers zusammen, wobei die Qi Kraft im Tanden
konzentriert wird.
Karate wurde durch mündliche Überlieferungen
weitergegeben und enthält Techniken mit dazu passenden Bedeutungen. Man
muß sich dazu entschließen, den Zusammenhang dieser Techniken zu
erforschen und dabei die Prinzipien des Torite (befreiende Hände)
beachten, dann kann man die praktischen Anwendungen leichter verstehen.
Im Karate Training muß man unterscheiden, ob die
Techniken für die Selbstverteidigung oder für die Kultivierung des
Geistes gedacht sind. Realität ist ein wichtiges Ziel im Karate Training.
Sich vorzustellen, daß man wirklich während des Trainings auf dem
Schlachtfeld ist, trägt viel zur Steigerung des Fortschritts bei. Daher
sollten die Augen Entschlossenheit zeigen, während gleichzeitig die
Schultern gesenkt werden und der
Körper entspannt ist, wenn man abwehrt oder einen
Schlag ausführt. Ein Training in diesem Geist ist die Vorbereitung für
den echten Kampf. Überanstrenge dich nicht
im Training, bis das Gesicht und die Augen rot werden, da du ansonsten
deine Energie verlierst. Das Maß an Training muß im Verhältnis zur körperlichen
Stärke und Kondition stehen. Exzessive Übung ist schädlich und schwächt
den Körper. Karate Übende genießen durch die Vorzüge des
gesundheitsfördernden Trainings ein langes und gesundes Leben. Die Übung
stärkt Muskeln und Knochen, verbessert die
Verdauungsorgane und reguliert die Blutzirkulation. Wenn das Studium des
Karate daher in den Lehrplan unserer Grundschule
aufgenommen und ausreichend geübt würde, könnten wir gesunde Männer
mit unmessbaren Verteidigungsfähigkeiten erziehen.
Es ist meine Überzeugung, daß die Absolventen des
Shihan Chugakko (Lehrerkollegium) den Kindern an den Grundschulen auf
diese Weise Karate vermitteln können. Innerhalb von 10 Jahren wird Karate
in ganz Okinawa und auf dem japanischen Festland verbreitet sein und auch
unserer militärischen Gesellschaft dienen. Ich hoffe ihr werdet mein
Schreiben aufmerksam lesen und über meine Worte nachdenken.
Itosu Anko, Oktober 1908
Das Buch "Die Meister des Karate und
Kobudo" zu diesen Biographien gibt's
hier |