OKUYAMA TADAO (geb. 1919?)




OKUYAMA TADAO

OKUYAMA TADAO war einer der herausragendsten Karateka der Nachkriegszeit. Er war der wichtigste Schüler von FUNAKOSHI YOSHITAKA, bei dem er meist am Nachmittag trainierte.

Ende der 40er Jahr unterrichtete er zusammen mit NOGUCHI HIROSHI, EGAMI SHIGERU, KAMATA TOSHIO und SHIBUYA MASAO an der Waseda-Universität. HARADA sagt, dass als er auf Waseda 1948 übte, sein "größter Einfluss kam von Okuyama, der von Yoshitaka Sensei beeinflusst war. Meister Okuyama und die älteren JKA Instruktoren stritten immer und hatten unterschiedliche Meinungen." Er war sogar einige Zeit Prüfer bei der JKA, aber die unterschiedlichen Haltungen bewogen ihn, damit aufzuhören.

Doch seine Schüler hatten Probleme, ihn und sein Karate zu verstehen, denn er erzählte viel vom "Fühlen" der Techniken. Er hatte oft andere Meinungen über Techniken als die JKA-Instruktoren. So führte er seinen Gedan Barai in einer kompakten Bewegung aus, die unten am Oberkörper oder kurz über der Hüfte begann.

Nach einer Auseinandersetzung mit Kamata während eines Sommercamps (er vertrat eine andere Auffassung von Karate als Kamata, nämlich die von Yoshitaka) ging er eigene Wege und verschwand für einige Jahre in den Tsukuba-Bergen nordöstlich von Tokyo in der Präfektur Ibaraki, wo er allein trainierte und das wahre Karate suchte. Dort lebte er zwei Jahre inmitten von wilden Tieren und Pflanzen. Während dieser Zeit beschäftigte er sich mit den Bewegungen der Natur, die ihn umgab. So beobachtete er den Fluss des Wassers in den Bergbächen oder die Bewegungen von Fischen und anderen Tieren.
Es ist möglich, dass Okuyama zu dieser Zeit Kontakt mit den Yamabushi (Bergasketen, Ausübende des Shugendo) hatte. Diese beschäftigten sich mit esoterischem Buddhismus und Schamanenritualen, um übernatürliche Kräfte zu entwickeln. Scheinbar interessierte sich Okuyama für solche Art Kräfte, genauso wie sein Freund Egami.

Die gewonnenen Erkenntnisse brachte er in seine Techniken ein, lehrte es jedoch nur wenigen Schülern, u.a. Egami.

Er war ein guter Freund von Egami. Dieser behauptete, dass Okuyama besser als Funakoshi Yoshitaka gewesen sei, sein Niveau war so hoch, dass ihn niemand erreichte.
Er war als exzentrisch aber als genialer Karateka bekannt.

Okuyama war später Mitglied der Omoto-kyo Shitoismus Sekte und wurde später Bodyguard deren Führer.
Zu dieser Zeit übte er in Shinwa Taido unter INOUE YOICHIRO.



Einer seiner bekanntesten Schüler war HARADA MITSUSUKE. Dieser berichtete im Jahr 2002 in einem Interview ausführlich über Okuyama :

Die japanische Armee verlangte Yoshitaka als Instruktor. Er schickte aber Okuyama dahin, der eine Spionageabwehrgruppe ausbilden sollte. In dieser Gruppe waren auch Egami, Kamata u.a. Einer der Ziele dieser Gruppe war, sich in den befeindeten Linien einzuschleusen, um Gegner zu entführen. Diese Gruppe probte die Effektivität ihre Techniken an den Gefangenen. So kam Okuyama zur Einsicht, dass die Karate-Techniken, die sie trainierten, nicht effektiv genug waren. Das heißt, dass der Mythos, mit einem Schlag zu töten, bei ihnen nicht funktionierte. Okuyama fing an zu experimentieren und änderte so sein Trainingskonzept.

Eine Anekdote: An der Waseda Universität war Kamata Senior von Okuyama aber in der Nakano-Gruppe war Kamata Junior von Okuyama. Kamata hatte die Angewohnheit, sich ständig mit den anderen zu vergleichen und konnte es nicht ertragen, dass Okuyama in der Nakano-Gruppe über ihm stand. Eines Tages verlangte die japanische Armee nach einer Demonstration der Gruppe. Okuyama lehnte zuerst ab. Doch auf Kamatas Drängen einen Vergleichskampf auszutragen, stimmte Okuyama zu. Das Ergebnis des Kampfes war, dass Kamata nach dem ersten Schlag am Boden lag.
(...)
An der Universität wohnten wir zu fünft in einem Haus. Ich war im selben Haus wie Okuyama untergebracht. Es gab Nächte, in denen Okuyama mich weckte indem er mir an die Schulter klopfte. Er schaute mir fest in die Augen, nach einer Weile drehte er den Kopf und schaute in die Gegenrichtung. Danach verschwand er ohne etwas zu sagen. Er wiederholte dies mehrmals in der Nacht, so dass ich am nächsten Tag sehr müde während der Vorlesung war.
(...)
Andere Male verweilte Okuyama die ganze Nacht vor einer Kerze und auf die Frage, ob er das Flackern der Flamme beobachtet, antwortete er: „nein, nein. Ich schaue nur“.

Eines Tages traf ich ihn als er Tsukis gegen ein Holzstöckchen schlug, welches er mit einem Faden an der Decke aufgehangen hatte. Er sagte mir: „Schau mal Harada, es ist sehr schwer es zu brechen. Wenn ich es an der einen Stelle treffe dann hebt er sich an der anderen Stelle ab“. Und so machte er es die ganze Nacht weiter.

Bei einem Sommerkurs, an dem auch andere Universitäten teilnahmen, hatten wir nachts Probleme mit Moskitos. Die Studenten schliefen in Gruppen auf Matratzen, die mit Moskitonetzen geschützt waren. Okuyama dagegen schaute wie verzaubert auf ein am Boden liegendes Brett und sagte: „Es scheint komfortabel zu sein.“ Er nahm das Brett, legte sich darauf und schlief ohne Moskitonetz.
(...)
Auf Geheiß von Egami Sensei sollte ich gegen Okuyama antreten. Nach18 Monaten täglichen Trainings bei Egami, war dieser der Meinung, dass ich vorbereitet wäre. Als es zum Kampf kam, lag ich am Boden bevor ich Kamae einnehmen konnte. Okuyama sagte: „Versuch es noch mal“. Dieses Mal ließ er mich mein Kamae einnehmen. Dennoch lag ich bei meiner ersten Bewegung wieder am Boden. Okuyama schaute zu Egami und sagte: „Aber was bringst du ihm bei?“ und verschwand, ohne noch etwas zu sagen. Egami sagte verzweifelt: „Ich verstehe ihn nicht. Ich komme an ihn nicht heran. Ich gebe auf, ich gebe auf“.

Die Technik von Okuyama war das Aufnehmen um zurückzugeben. Dabei entspannte er den ganzen Körper und setzte daraufhin explosionsartig seine Muskeln wie eine Schlange ein.

Einmal schauten beim Karatetraining von Kamata in der Waseda-Universität einige Sumo-Freunde von Okuyama zu. Sie stellten fest, dass die Schüler die Armtechniken erst nach dem Schritt einsetzten. Sie fragten Kamata: „Warum machen sie einen Schritt, wenn er nicht genutzt wird (wie bei der alten Form)?“ Im Sumo ist der explosive Impuls am Anfang der Bewegung mit der Projektion der Arme verbunden – das ist auch die Methode von Okuyama.

 

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weitere Quellen:
Cook, Harry: Shotokan Karate - A precise history, 2001